
Die Radierung zählt zu den faszinierendsten Druckverfahren der künstlerischen Druckgrafik und vereint handwerkliche Präzision mit kreativer Ausdruckskraft. Durch ihren charakteristischen Linienfluss und feine Tonabstufungen hat sie über Jahrhunderte hinweg Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Dieser Beitrag erklärt genau, wie diese Technik funktioniert, welche Varianten es gibt und worin ihr besonderer Reiz liegt.
Definition: Radierung
Die Radierung ist ein Tiefdruck-Verfahren, bei dem das Druckbild durch geätzte Vertiefungen in einer Metallplatte entsteht. Diese Vertiefungen werden mit Farbe gefüllt und anschließend unter hohem Druck auf angefeuchtetes Papier übertragen. Im Gegensatz zu Hochdruckverfahren, bei denen erhabene Stellen drucken, entstehen die Linien bei der Radierung also dort, wo Material aus der Platte entfernt wurde. Das Ergebnis sind feine, nuancenreiche Linien und weiche Übergänge, die der Radierung ihren unverwechselbaren Charakter verleihen.
Geschichte
- 15./16. Jahrhundert: Entstehung der Radierung in Deutschland. Frühe Werke von Daniel Hopfer, der das Verfahren ursprünglich aus der Waffenverzierung übernahm.
- 17. Jahrhundert: Rembrandt van Rijn perfektioniert die Technik und nutzt sie für ausdrucksstarke Hell-Dunkel-Kontraste und detailreiche Kompositionen.
- 18. Jahrhundert: Verbreitung in ganz Europa; Radierung wird zum bevorzugten Medium für Reproduktionen und Illustrationen.
- 19. Jahrhundert: Künstler wie Francisco de Goya nutzen die Radierung, um gesellschaftliche Themen und politische Kritik auszudrücken.
- 20. Jahrhundert: Moderne Künstlerinnen und Künstler, etwa Pablo Picasso, Otto Dix und Joan Miró, experimentieren mit Aquatinta, Mehrfarbendruck und neuen Materialien.
- Heute: Die Radierung bleibt ein wichtiges Medium in der künstlerischen Grafik und wird zunehmend mit umweltfreundlichen, säurefreien Verfahren kombiniert.
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Der Herstellungsprozess – Schritt für Schritt
Die Entstehung einer Radierung erfordert Geduld, Präzision und ein gutes Verständnis für Material und Chemie. Der Prozess lässt sich in mehrere Arbeitsschritte gliedern, die von der Vorbereitung der Druckplatte bis zum fertigen Abzug reichen.
1. Vorbereitung der Druckplatte
Zunächst wird eine Metallplatte – meist aus Kupfer, Zink oder Messing – sorgfältig geschliffen und entfettet, um eine gleichmäßige Oberfläche zu schaffen. Diese bildet die Grundlage für ein sauberes Ätzergebnis.
Typische Materialien:
| Material | Eigenschaften | Verwendung |
| Kupfer | feinste Linien, hohe Haltbarkeit | klassische Wahl für künstlerische Radierungen |
| Zink | günstiger, weicher, kürzere Lebensdauer | für Studien oder kleinere Auflagen |
| Messing | widerstandsfähig, schwer zu bearbeiten | eher für experimentelle Techniken |
2. Auftragen des Ätzgrunds
Die Platte wird mit einem säurebeständigen Lack überzogen, dem sogenannten Ätzgrund.
- Beim Hartgrund entsteht eine harte, glatte Schicht, die mit einer Radiernadel eingeritzt wird.
- Beim Weichgrund bleibt die Oberfläche elastisch, sodass auch Texturen oder Abdrücke übertragen werden können.
3. Zeichnen des Motivs
Mit der Radiernadel wird das gewünschte Motiv in die beschichtete Platte eingeritzt. Dabei wird nur der Ätzgrund entfernt, das Metall selbst bleibt unversehrt. Die eigentliche Vertiefung entsteht erst im nächsten Schritt.
Tipp: Feine Linien lassen sich durch gleichmäßigen Druck und fließende Bewegungen erzielen, während kräftigere Linien durch längeres Ätzen betont werden können.
4. Ätzen der Platte
Die vorbereitete Platte wird in ein Säurebad gelegt, das nur an den freigelegten Stellen wirkt. Je nach gewünschter Linientiefe und -stärke kann die Ätzdauer variieren.
Übliche Ätzmittel:
- Eisen(III)-chlorid – gleichmäßige, kontrollierte Wirkung, weniger giftig
- Salpetersäure – schneller, aber aggressiver und gesundheitsgefährdender
5. Einfärben und Drucken
Die gereinigte Platte wird mit spezieller Druckfarbe eingerieben, sodass die Farbe in den geätzten Vertiefungen haften bleibt. Anschließend wird die Oberfläche mit Makulaturpapier oder Tarlatan-Tuch abgewischt, bis nur die Vertiefungen Farbe enthalten.
Das angefeuchtete Druckpapier wird auf die Platte gelegt und unter hohem Druck durch die Tiefdruckpresse geführt. Dabei wird die Farbe aus den Vertiefungen auf das Papier übertragen.
Der fertige Druck
Nach dem Pressvorgang wird das Papier vorsichtig abgehoben und zum Trocknen gelegt. Jeder Abzug ist ein Originaldruck, der leicht von anderen Exemplaren abweichen kann, ein wesentliches Merkmal künstlerischer Radierungen.
Techniken / Varianten der Radierung
Die Radierung ist nicht auf eine einzige Methode beschränkt, sondern umfasst eine Vielzahl an Techniken, die unterschiedliche ästhetische Wirkungen ermöglichen. Künstlerinnen und Künstler kombinieren diese Verfahren oft miteinander, um Linien, Flächen und Tonwerte gezielt zu gestalten.
Klassische Linienradierung (Hartgrundätzung)
Die Hartgrundätzung ist die ursprüngliche und bekannteste Form der Radierung. Hierbei wird eine Metallplatte mit einem säurefesten Drucklack überzogen und mit einer Radiernadel bearbeitet. Die Linien werden anschließend in einem Säurebad geätzt.
- Ergebnis: feine, klare Linien mit variabler Tiefe
- Verwendung: für detailreiche Zeichnungen, Porträts oder Architekturstudien
Weichgrundätzung (Vernis mou)
Beim Weichgrund bleibt die Schutzschicht elastisch, wodurch sich feine Strukturen wie Stoffmuster, Blätter oder Bleistiftstriche übertragen lassen. Legt man ein Papier auf den Weichgrund und zeichnet darauf, wird die darunterliegende Schicht nur dort entfernt, wo Druck entsteht.
- Ergebnis: weiche, natürliche Linien, ähnlich einer Bleistiftzeichnung
- Besonderheit: ideal für Texturen und experimentelle Oberflächen
Aquatinta (Flächenätzung)
Die Aquatinta-Technik dient dazu, Tonflächen statt Linien zu erzeugen. Dabei wird die Metallplatte mit einem feinen Kolophoniumstaub bestäubt und erhitzt, bis dieser haftet. Beim Ätzen entstehen unzählige winzige Punkte, die je nach Ätzzeit verschiedene Graustufen erzeugen.
- Ergebnis: malerische, flächige Effekte, ähnlich einer Aquarellmalerei
- Kombination: häufig mit Linienradierung kombiniert, um Zeichnung und Fläche zu verbinden
Zucker-Ätzung (Sugar-Lift)
Die Zucker-Ätzung ermöglicht eine spontane, malerische Arbeitsweise. Hierbei wird eine Zuckerlösung oder Tusche direkt auf die Metallplatte gemalt. Nach dem Trocknen wird die Platte mit einem Lack überzogen und anschließend in warmem Wasser gebadet. Der Zucker löst sich und legt die Zeichnung frei.
- Ergebnis: lebendige, pinselartige Linien und Flächen
- Besonderheit: eignet sich besonders für expressive oder gestische Motive
Kaltnadelradierung (Drypoint)
Obwohl streng genommen keine Ätztechnik, wird die Kaltnadel oft zur Familie der Radierungen gezählt. Statt mit Säure wird die Linie mechanisch in die Platte geritzt, wodurch ein feiner Grat entsteht, der beim Drucken samtig weiche Linien erzeugt.
- Ergebnis: samtige, leicht verschwommene Linien mit starkem Ausdruck
- Nachteil: der Grat nutzt sich mit jedem Druck ab ->begrenzte Auflage
Farbradierung
Bei der Farbradierung wird Farbe auf unterschiedliche Weise eingesetzt:
- À la poupée: verschiedene Farben werden direkt auf eine Platte aufgetragen.
- Mehrplatten-Druck: jede Farbe erhält ihre eigene geätzte Platte, die exakt übereinander gedruckt wird.
- Handkolorierung: der Schwarz-Weiß-Druck wird nachträglich mit Pinsel koloriert.
Ergebnis: reichhaltige Farbwirkung und tiefe Kontraste, oft in Kombination mit Aquatinta.
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Anwendungsfelder
Die Radierung wird vor allem in der künstlerischen Druckgrafik eingesetzt, wo sie durch ihre handwerkliche Präzision und individuelle Ausdruckskraft geschätzt wird. Auch heute entstehen Radierungen meist in kleinen, sorgfältig gefertigten Auflagen, die jede Platte zu einem Unikat machen.
Anwendungsfelder
- Kunst und Illustration: Die Radierung ist ein klassisches Medium für Originalgrafiken, Buchillustrationen und Kunstdrucke.
- Reproduktionen: Vor der Erfindung der Fotografie diente sie zur Vervielfältigung von Gemälden und Zeichnungen.
- Experimentelle Druckkunst: Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler kombinieren Radierung mit anderen Techniken wie Siebdruck oder digitaler Bildbearbeitung.
- Kunsthochschulen und Werkstätten: Die Technik wird weltweit in Ausbildungsprogrammen vermittelt, um handwerkliches Können und künstlerisches Sehen zu fördern.
Häufig gestellte Fragen
Eine Radierung ist ein Druckverfahren, bei dem ein Motiv mit einer Nadel in eine beschichtete Metallplatte gezeichnet und anschließend in Säure geätzt wird. Die geätzten Vertiefungen werden mit Farbe gefüllt und unter hohem Druck auf Papier gedruckt.
Beim Kupferstich werden die Linien mit einem Stichel mechanisch in die Metallplatte geschnitten, während sie bei der Radierung mithilfe von Säure geätzt werden. Dadurch wirken Radierungen oft freier und weicher, Kupferstiche dagegen präziser und klarer.
Bei der Radierung entsteht das Motiv durch geätzte Vertiefungen in einer Metallplatte, aus denen die Farbe gedruckt wird. Die Lithographie dagegen beruht auf dem Prinzip von Fett und Wasser und wird von einer flachen Steinplatte gedruckt, ohne Ätzen oder Vertiefungen.
Eine echte Radierung erkennt man an der Prägung/Prägelinie des Plattenrands, die durch den Druck der Presse entsteht, sowie an feinen Linien mit leichter Farbstruktur. Unter der Lupe sind keine gleichmäßigen Rasterpunkte wie bei Reproduktionen zu sehen.